PCT Tag 158- Finale Canada

PCT Tag 158- Finale Canada

Die ganze Nacht konnte ich kaum schlafen. Es war so extrem kalt, habe meine Socken ausgezogen und die Füsse massiert um sie warm zu bekommen, die Durchblutung anzukurbeln. Und einige um mich herum hatten geschnarcht. Dazu war ich sicher auch aufgeregt ob ich es wirkich bis nach Canada heute schaffen werde, es wäre mein letzter Tag auf dem Trail, auf meiner Reise. Immer wieder bin ich vom schnarchen erwacht, habe auf die Uhr geschaut und der Mond schien hell, ob heute Vollmond war weiss ich nicht ganz genau. Aber das Mondlicht wird mir helfen morgens den Weg besser zu sehen. Als um 5 Uhr der Wecker klingelte, habe ich mich gleich fertig gemacht. Ich war zwar müde und mir war kalt, aber verschlafen konnte ich den Start nicht und ich wollte ihn nicht rauszögern. Es regnete nicht und mein Zelt war relativ gut trocken, was gut ist, wenn ich heute zelten muss. Eigentlich wollte Trigger, dass ich ihn Tschüss sage, aber ich wollte ihn auch nicht wecken, als er morgens da lag und schlief. Habe mich aus den Camp geschlichen und war super warm angezogen und ich startete meinen Tag. Meine Gedanken waren bei Finn, seiner Familie und Larissa. Gefühle übermannten mich. Der Plan war es, dass wir zu dritt und auch mit Flush und Raider dort ankommen. Nu bin ich allein unterwegs und Finns Beerdigung ist morgen. Die ersten 2 Stunden habe ich gekämpft mit den Gefühlen und Tränen liefen. Musste mich dann zusammen reissen um mein Ziel evtl zu schaffen. Bis nach Canada waren es gesamt 35 Milen und dann nochmals 8 Milen raus bis zur Hotelanlage. Hatte Husky, über meinen InReach, eine Meldung gesendet, dass ich schon unterwegs bin und ob er evtl später am Tag ein Hotelzimmer für mich reservieren könnte. Nachdem ich ein gigantisches Schauspiel von Nebel und Wolken vor mir hatte, mit mir selbst ausgemacht habe, dass ich mich jetzt mehr konzentrieren muss ging es besser voran. Ich konnte auch die Gefühle weg schieben. So einige Anstiege lagen noch vor mir, wo ich meine Kräfte brauche. Merke es, dass der Körper nicht ganz ausgeruht ist nach der Nacht und das mir das hoch laufen erstmal schwer viel.

Ich kam am Harts Pass vorbei, hier starten die Southbounder (diejenigen die südlich laufen). Sie laufen erst nach Canada, drehen dort um und starten ihre Reise. Vom Manning Park darf man nicht die Grenze nach Amerika überschreiten.

Jedenfalls, war es hier sehr ruhig und natürlich bin ich erstmal kurz falsch gelaufen, habe ein Schild übersehen. Es wurde umgedreht und den Trail nach ein paar Minuten wieder gefunden. Kurz danach erschrack ich ziemlich doll, hatte etwas gehört und habe dann geschaut. Rechts von mir hatte ich eine Herde Pferde.

Irgenwie ist es ein trüber Tag, die Wolken wollten nicht gehen. Immer wieder leichter Regen, sobald ich höher kam war es Schneeregen. Und es war frisch. Die Herbstfarben waren zu sehen, kamen aber dennoch nicht so zum vorschein wie bei Sonne. An einem Zelt kam ich vorbei, konnte ahnen wer dort noch im Bett lag, tippe auf Wild Turey. Er hat sich gestern von seiner Trail Family getrennt und wollte noch Nachts bis nach Canada laufen. Jetzt wartet er sicher doch auf die anderen. Ich hab auch nichts zu ihm gesagt, beim stehen bleiben wäre mir nur unglaublich kalt geworden. Als es mal wieder bergab ging, kamen mir ein paar andere Hiker entgegen. Sie freuten sich als ich ihnen sagte, dass es weiter oben gerade schneit. In einem öden Abschnitt, wo es mal gebrannt hat, kam mir ein einziger Mensch entgegen. Es stellte sich heraus, dass er ein Ranger ist und er fragte mich ob ich eine Genehmigung habe. Äh nein, also doch meine PCT Genehmigung, aber mehr nicht. Für diesen Abschnitt brauchte ich noch eine Genehmigung. Ich hätte es mir beim Harts Pass holen können. Das wusste ich nicht. Also fragte er mich ob ich kurz Zeit hätte. Eigentlich nicht, vor mir sind noch 18 Milen, er schaute auf die Uhr und meinte na zur Sicherheit sollten wir es ausfüllen. Es war vor 12 Uhr Mittags und ich hatte schon weit über 10 Milen hinter mir gehabt, dass wusste er nicht, dass ich schnell sein kann. Dann musste ich eben doch warten und mit ihm diese Genehmigung ausfüllen.

Meine letzten Anstiege bis zum Ziel wurden weniger. Auf einigen Bergspitzen kam noch der Wind mit dazu und es lud nicht zum Pause machen ein. Es hat so gezogen. Für mich galt es nur einen Schritt nach dem anderen setzen und weiter kommen. Es kamen mir immer wieder Wanderer entgegen, sie hatten wohl kein Canada Permit/ Genehmigung und müssen zurück laufen. Ehrlich bin ich grad sehr froh eins zu haben. Bei dem Wetter draussen sein, gestern war es auch schon Nachts so extrem kalt gewesen. Ich wollte es mir nicht antun wieder zurück zu laufen. Bei schönen Wetter wäre es toll gewesen, so aber nicht.

Es war soweit, der letzte Anstieg auf der ganzen Reise ging los. Auf halber Strecke nach oben war ein wunderschöner und grosser Regenbogen vor mir. Er hatte eine Weile meine totale Aufmerksamkeit bekommen, es war so schön. Es ging über eine Bergkuppel, ich musste nochmals am Berg entlang laufen, auch wenn es bergauf geht ist das mein Vorteil. Aus der Ferne konnte ich die Kuppel sehen über die ich nochmals muss um runter zum Ziel zu laufen. Um 14 Uhr kam ich über die Kuppel, noch 7 Milen bis zum Monument und 15 bis zum Manning Park, bis jetzt habe ich schon 30 Milen hinter mir gebracht. Ob ich Manning Park auch noch schaffe, es wird spät aber schaffen kann ich es. Husky hab ich Bescheid gegeben und er hat mir ein Hotelzimmer gebucht.

Es war ein See auf dem Weg nach unten. Von oben konnte ich ihn schon sehen, zwar brauchte ich Wasser, aber da hätte ich einen kleinen Umweg machen müssen. Also einfach weiter nach unten laufen. Nach kurzen kamen auch schon ein paar kleine Wasserquellen. Habe angehalten und musste nun erstmal eine Pause machen. Ich bin seit 6 Uhr morgens unterwegs und jetzt war es nach 15 Uhr. Meine Pause wurde etwas länger als erwartet, aber die Zeit musste ich meinen Beinen geben und mein Filter wollte das Wasser nicht so schnell filtern wie er es anfangs gemacht hat. Nach ca 40min bin ich weiter. Es war nur noch ein kurzes Stück bis zur Grenze, ca 5 Milen. Ich wusste aber es wird nicht allzu lange dauern. Wollte mir nochmals die Zähne putzen, beim wandern ja. Da kommt mir doch jemand entgegen, die Sachen und Haltung kenne ich. Es war Rockstar, ihn habe ich bei Frodo und Scout kennen gelernt und er nimmt mich mit nach Vancouver. Wir haben kurz erzählt, er wollte aber nicht mit mir zum Monument laufen, weil er mein Tempo nicht halten kann. Dann sehen wir uns morgen. Kurz vorm Monument wurde der Trail nochmals richtig schlecht, der Boden war eher Schlamm vom ganzen Regen in den letzten Wochen und der Weg war nicht sehr breit. Musste aufpassen nicht noch hin zu fallen oder auszurutschen. Dann ging alles sehr schnell, ich habe nochmals geschaut wie weit ich entfernt bin. Unter 1 Mile nur noch, habe mir noch 5 min Pause gegönnt. Mein Gesicht gewaschen mit einem Feuchttuch, Franzel und das Bild hoch genommen. Die letzten Meter bis zum Monument vergingen so schnell. Ich habe 2 x tief durch geatmet und dann war ich da. Meinen Rucksack abgemacht, meinen Standort um 17:01 Uhr an meine Eltern verschickt und die Ruhe genossen.

Wenn man sich das vorher im Kopf ausmalt, wie es dort sein wird anzukommen, mit Freudestränen und aufgeregt sein, so muss ich sagen. Das war nicht so. Ich war alleine, es war friedlich. Ich habe Bilder gemacht, hatte mir auch immer ausgemalt vom Monument springen zu wollen oder mindestens oben zu stehen für das Foto, aber die wollten nichts werden. Ich hatte ein paar ruhige Minuten, Bilder gemacht mit nichts speziellen. Es war schön und traurig dort zu sein. Im letzten Trailbuch wurde sich eingeschrieben. Finn und Larissa habe ich auch eingeschrieben. Ihr Bild konnte ich dennoch nicht da lassen. Wollte noch etwas im Trailbuch blättern und lesen, weit kam ich nicht und es regnete wieder. Da es kurz vor 18 Uhr war, war es auch Zeit zum Manning Park zu laufen. 8 Milen bis zum Hotel. Die Nachricht kam zurück, dass ich ein Zimmer heute Nacht habe. Jippiiii der Regen kann dann heute Nacht kommen. Kurz nach dem Monument, wäre ein toller Zeltplatz gewesen, mit einem kleinen Fluss. Holz für ein Feuer und wirklich gemütlich, wenn es nur etwas trockener gewesen wäre. Ich wusste, ich muss nochmals hoch laufen. Nun bin ich ja in Canada, nur ich wusste nicht genau wie weit, hatte kein Höhenprofil. Hab etwas mit meinem Standort rumgespielt und konnte ungefähr rausfinden wie lange ich noch hoch laufen muss. Was für meinen Kopf einfach gut ist, wenn ich das weiss. Auch hier war der Trail erstmal nicht so gut, weiterhin schlammig und man konnte leicht abrutschen. Langsam begann die Abenddämmerung. Ich wollte so schnell wie mögich so weit wie möglich kommen und nicht im dunkeln umher suchen. Es wäre nicht so einfach gewesen alle Schilder im dunkeln zu entdecken. Ich kam an einem weiteren Campsite vorbei und nun wusste ich, die letzten 4 Milen schaffe ich auch noch. Es wird dann schon dunkel sein, aber das werde ich packen. Das gute war ich war von dem schlechten, kleinen Trail weg. Es ging auf eine Waldstrasse und dann auf einen angenehm breiten Trail entlang. Dann war es dunkel um mich herum, mit Handytaschenlampe hab ich mir den Weg geleuchtet. Hatte auch keine Zeit meine Kopflampe rauszuholen, also musste das Licht ausreichen. Habe nach vorne, zur Seite und das Licht immer kurz hinter meinem Kopf genommen. Alle Gedanken an Grizzly Bären und Pumas weggeschoben und einfach nur mit grossen Selbstbewusstsein gelaufen. Aber etwas Angst hatte ich, das kann ich zugeben. Im weiten sah ich Licht, aber es war noch ein gutes Stück bis dahin. In diesem Moment wirklich gemein. Ich freute mich nur noch auf meine Dusche, meine Brause dem Bett, die Wärme und den Empfang um zu Hause Bescheid geben zu können.

Gestern dachte ich, ich werde morgen nochmal zum Monument gehen und auf die anderen warten. Aber kurz danach habe ich die Ruhe und Zufriedenheit in mir gespürt. Ich habe es geschafft. Ich bin von Mexico nach Canada gelaufen. Ich gehe morgen nicht zurück, ich bin fertig. Mein jahre langer Traum hat sich erfüllt. Und das möchte ich geniessen.

Lieber Gruss Melli 🌸 aus Canada

Distanz: 45 Milen/ 71 km


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